PC060 Borderline – ein erster Überblick

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung: eine Krankheit, über die es viel zu sprechen, zu diskutieren und zu verstehen gibt. Im 60. PsychCast haben wir uns entschieden, nach der Zwiebel-Taktik beim Äußeren (allgemeinen Teil) zu beginnen und uns dem – durchaus kontroversen – Thema erstmals zu näheren. Wir sprechen kurz über die Diagnostik, die Ursachen und ein paar Behandlungsoptionen. Ganz ganz ausdrücklich: ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Mit der Option auf spätere Vertiefung einzelner Themenbereiche.

Wir erwähnen die häufig nachgewiesene traumatisierende Kindheit mit Formen emotionaler Vernachlässigung, körperlicher oder psychischer Gewalt sowie unbeständiger Bindungen, die in den Betroffenen kein stabiles Bild von sich selbst und ihren Emotionen entstehen lassen konnten. Nach einer Grobaufzählung einiger diagnostischer Optionen besprechen wir nachweislich wirksame Psychotherapie-Methoden, bei denen wir zu wenig hervorheben, wie wichtig die empathische, stabile, vorhersehbare und wertschätzende Arzt-Patienten-Beziehung ist, die in der Vergangenheit vernachlässigende Bindungserfahrungen “überschreiben” und so korrigieren soll (“korrigierende emotionale Erfahrung” als Wirkfaktor). Vielleicht bald mehr dazu…

Viele Grüße vom PsychCast – wir melden uns mit einer Silvester-Folge am 31.12.2017 bei Euch zurück! Frohe Weihnachten!

18 Gedanken zu „PC060 Borderline – ein erster Überblick

  1. Hallo,
    ich höre euren Podcast ja wirklich gerne. Das Intro jedoch ist wirklich nervig. Bitte sucht euch ein anderes aus oder lasst es einfach. Wichtiger als die Form ist der Inhalt und der ist ja schon gut.
    Viele Grüße
    Jan

  2. Hi, ich habe auch mal gehört das die Amygdala (Mandelkern im Gehirn) kleiner sein soll und deshalb viel mehr Neurotransmitter abgefeuert werden als es normalerweise der Fall wäre. Und so käme es dann zu so hohen Emotionalen Spitzen.
    ???^^
    LG

  3. Eines vorweg: ich liebe euer Intro! Bitte weiterhin dazu stehen, nicht thematisieren und einfach so stehenlassen.
    Zur Sendung: Danke! Wieder mal bestens erklärt, so dass sich die Störung auch für Laien wie mich gut erschließt und mir Berührungsängste mit Borderlinern nimmt. Eure Praxisbeispiele, gepaart mit eurem Knowhow und Humor sind einfach phänomenal! 🙂 Auch deshalb passt das Intro übrigens so gut. Bitte bleibt so! 🙂

  4. Hallo ihr zwei!

    Vielen Dank für diesen schönen Überblick über die Borderline-Persönlichkeitsstörung!

    Als Psychologiestudentin fehlt mir im Studium hin und wieder der Praxisbezug und da tut es gut mal von erfahrenen Leuten zu hören wie sich diese Störung in der “Realität” tatsächlich zeigt.

    Euer Intro spaltet anscheinend das Internet! Haha. Alleine deswegen würde ich es eiskalt weiter durchziehen. 😉

    Alles Liebe
    Julia Lebenswelt

  5. Hallo liebes psycast Team. Wie immer kurz und knapp und gut, da ihr die Ressourcen nie vergesst;-))
    Hätte aber dennnoch gerne noch die anderen Therapieansätze ausführlicher gehört. Ich denke aber , die Zeit war zu kurz. Wenngleich ich als TPler nach dem Linehan – Ansatz arbeite mit Gruppe und Einzel, aber auch an Objektbeziehungsmustern sowie an Spaltungsübertragungen. So gehe ich zunächst auf die Suizidalität ein, auch auf Depression , die oft vorliegt. In der Gruppe ( als gute Mutter) Halt , im Einzel ebenso, oder Übertragung, Ausagieren usw. Gut fand ich eure Benennung von Skills und das Aussprechen, dass es keine Medikamente gibt. Auch, dass die Arbeit im Hier und Jetzt zunächst wichtig ist, da von vornherein klar ist, dass Traumatisierzngen vorliegen ( können) .
    Auch eingangs die entscheidende Frage „ Haben Sie am Tag einmal ein Gefühl von Wut, Trauer, Zorn usw, das sie dann…. an sich selbst ausagieren..“ Also wenn mit innerer Anspannung nicht umgegangen werden kann. Schwierig finde ich allerdings von Anfang an, das Ritzen einzustellen, da es einige Zeit dauert bis ein vertrauensvolles Bündnis entsteht.
    Herzlichen Dank für Euer Podcast.
    Dr.Angelika Demel

  6. Liebes psychcast-Team,
    besten Dank für den sehr guten und ausgewogenen Überblick.
    Von psychodynamischer Seite möchte ich noch das überaus elaborierte MBT-Konzept von Fonagy/Bateman erwähnen, das auf den neueren Arbeiten der Affekttheorie beruht und wofür es nicht nur ein manualisiertes Vorgehen gibt, sondern dass der Kollege Schultz-Venrath aus Köln (!) auch stationär erprobt hat. Auch die empirischen Evaluationsstudien sind sehr gut.
    https://www.klett-cotta.de/buch/Psychotherapie_allgemein/Lehrbuch_Mentalisieren/32045
    @Jan:
    es gab eine Phase innerhalb der psychodynamischen Verfahren, in dem das “history talking” im Fokus stand, was so m.E. nicht mehr der Fall ist. Aber es ist häufiges genanntes Vorurteil außerhalb der psychodyn. Verfahren, dass wir immer nur intellektuell über Ursachen in früher Kindheit und Jugend sprechen würden.
    M.E. ist es aber sehr hilfreich, dass man sich Gedanken über mögliche Ursachen der Störung macht. Die mögen konstruktivistisch sein, andererseits dienen sie aber als innere Roadmap, die es über die Bearbeitung der Konflikte im Hier und Jetzt sicherlich auch immer wieder zu korrigieren und zu adaptieren gilt. Und es stimmt, wenn ich dem Pat. sage, woher ich glaube, dass seine Störung kommt, ist noch nichts gewonnen. Und gerade die therapeutische Arbeit mit Pat. mit Borderline-Störungen ist immer eine Arbeit im und am Unmittelbaren, meist auch an der therapeutischen Beziehung selbst (siehe tfp).

    • Lieber Udo Porsch, vielen Dank für diese wichtige Ergänzung, die ich im Nachgang (von mir selber) auch ein wenig vermisste: Allein um als Therapeut Verständnis für die innere Welt seines Patienten zu entwickeln und dieser immer wieder mit Verständnis – für die biographisch meist ableitbaren Erlebnis- und Reaktionsmuster – zu begegnen, ist genetisches Verständnis unumgänglich! Ebenfalls kann es den Patienten sehr beruhigen, dass sein Verhalten nicht ausschließlich unverständlich und störend ist, sondern diesem mit Blick auf frühere Lebensumstände auch mit Akzeptanz und Großzügigkeit begegnet werden kann. Da ich ja selber mit großer Begeisterung psychodynamische Psychotherapie mache, habe ich während der Aufnahme gar nicht gemerkt, dass dieser für mich sehr selbstverständliche Punkt nicht so deutlich ‘rüberkam.

      • Hallo Interessierte, Betroffene und liebenswertes PsychCast-Team,
        also Zögling vom genannten Herrn Schultz-Venrath (Bergisch-Gladbach bei Köln 😉 !) möchte ich gerne an dieser Stelle das MBT Konzept mit ein paar wenigen Details konkretisieren, da auch ich es natürlich schade fand, dass dies im PodCast zu kurz kam. Wie erwähnt beruht diese Therapietechnik auf affekt- und bindungspsychologischen Theorieanteilen und der “theory-of-mind”-Forschung. Dazu muss man sich als erstes mal verdeutlichen was “Mentalisieren” ist. Dazu meine eigene Definition: Mentalisieren ist ein “Bewusstmachen”, was genau ich in einer bestimmten Situation fühle und wie ich mich verhalte. Dann gilt es weiter als nächstes zu verstehen, wie sich mein Gegenüber verhält und fühlt, um im letzten Schritt mich aus den Augen des Gegenübers selbst zu betrachten.
        Das heisst also ich übe mich im permanenten Perspektivwechsel zwischen mir und meiner Umwelt. Soviel zur Theorie: Praktisch heisst das nun, Situationsanalysen folgen Situationsanalysen kleinschnittig und konkretistisch. Eingangsfrage: Wie fühle sie sich? Was ist passiert? Wie ist es dazu gekommen? Was genau haben sie zuletzt gedacht? Übernimmt ein überbordendes Gefühl die “Herrschaft der Situation”, wird dort genauer hingeschaut und versucht zu verstehen. Gruppen sind diesbezüglich in der MBT-GT (Gruppentherapie) sehr hilfreich, da alle Teilnehmer ihre eigene Perspektive haben, bestenfalls einbringen und somit dem Einzelnen bewusst wird, wieviele Möglichkeiten und “Wahrheiten” es gibt und somit die eigene doch immer mehr relativiert werden kann.

  7. Liebe Psychcaster,
    als selbst Betroffener frage ich mich, wie man Borderline diagnostisch von AD(H)S abgrenzt. Ich habe selbst beide Diagnosen und in verschiedenen Kliniken weigerte man sich, die jeweils andere Diagnose “gelten” zu lassen. Ich habe das als wenig hilfreich erlebt, da die Belastungen der anderen Diagnose so nicht zielgerichtet behandelt werden konnten.
    (zB wurde auf einer psychosomat. Station Methylphenidat abgesetzt, was dazu geführt hat, dass ich während des gesamten Aufenthaltes andere Probleme hatte, als sonst in “freier Wildbahn”. Genauso werden meine ambulanten Therapieerfolge durch das “Umschiffen” der Borderline-Thematik eingeschränkt. Ist das ein Glaubenskrieg oder gibt es “harte” diagnostische Abgrenzungskriterien?

    Danke für euren spannenden Podcast (und das Ohrwurm-Intro!),
    LG Georg

  8. Den Tipp, sich als eigenständigen Menschen einzubringen, werde ich meinem TFP Therapeuten mal wieder unter die Nase reiben….. ich weiß schon was dann passiert…..

  9. Ich liebe auch Euer Ohrwurm-Intro über alles;-) Bitte unbedingt beibehalten! Ansonsten wieder eine spannende Folge, die Behandlern und Betroffenen Mut macht, mit diesem schwierigen Krankheitsbild umzugehen bzw. zu leben. Bzgl. der Prognose würde mich noch interessieren, wie es Eurer Erfahrung nach über den Zweijahreshorizont hinaus aussieht, wie ist es mit (schweren) Rückfällen?
    LG
    Celia

  10. Meine Erfahrung bestätigt, dass es Menschen gibt, die sich über Jahrzehnte oder sogar ein Leben lang in einem Dauertief oder mehr oder weniger depressiven Zustand befinden bzw. sich dort eingerichtet haben. Das stellt eine extreme (Dauer)-Belastung für ihr nahes Umfeld dar. Andere Menschen dagegen geraten scheinbar “wie aus heiterem Himmel” (bei genauerer Analyse gibt es natürlich schon Anzeichen, wie Überangepasstheit, Überforderung o.ä.) in eine tiefe Lebenskrise. Sie nehmen Hilfe von aussen an und arbeiten (mit Hilfe der gesunden Anteile und Ressourcen) aktiv an ihrer Genesung. So können sie ein neues, stabiles und tragfähiges Selbstbild mit positiver Prognose entwickeln. Sehr wichtig dabei ist – meines Erachtens – dass auch das Umfeld diese Veränderungen positiv unterstützt und den unbewussten Druck, der auf den Erkrankten lastet, erkennt und künftig vermeidet.
    Die Diagnose ” Borderline ” finde ich persönlich schon heftig (zumal gesellschaftlich geächtet)- und auch oft vorschnell, kontraproduktiv und entmutigend für Betroffene. Andererseits empfinden mache diese Diagnose auch als große Entlastung, weil sie ihr Leiden nun besser einordnen können.

    • Depressive oder psychisch kranke Familienangehörige oder nahe Bezugspersonen werden vor allem dann als überschwere Last empfunden (die oft verdrängt wird), wenn eine schuldhafte Verstrickung vorliegt. Wenn diese systemisch aufgelöst wird, bekommen alle Beteiligten eine bessere Chance auf Heilung. Ich finde systemisches Arbeiten bei psychischen Erkrankungen (auch bei schweren) eigentlich unerlässlich.

  11. Als selbst Betroffene bin ich sehr angetan von der Art der Presentation des Themas. Endlich mal eine lockere, humorvolle, unverkrampfte Herangehensweise, das tut gut. Sonst wird das Thema so pathetisch, dozierend und unheilschwanger angegangen. Ich denke, ein gewisses Maß an Humor auf beiden Seiten hilft wesentlich, die therapeutische Beziehnung zu entkrampfen und tragfähig zu machen. Zu Beginn berichten Sie, warum Sie sich lange vor dem Thema “gedrückt” haben. Nun, sicher gibt es da eine Menge Fettnäpfchen in die man treten kann und brisant kann es auch schon mal werden, aber diese Gedanken habe ich auch gegenüber dem Fachpersonal. Da mußte ich doch etwas grinsen. Aber jetzt mal ernst: Es ist enorm anstrengend, mit dieser Diagnose zu leben. Sucht man sich fachliche Hilfe entsteht oft das Gefühl, der Andere denkt “oh Gott ein Borderliner, bring sich in Sicherheit wer kann”. Das macht die Situation nicht besser. Wenn man dann aber etwas finden kann worüber beide Seiten sich amüsieren können, hilft das doch sehr.

  12. Danke für die informative Sendung! Was mich interessieren würde: da ich in einer von Autistinnen und Autisten gesättigten Familie lebe und mich also immer wieder mit dieser Thematik auseinandersetze (ganz spannend: wie bestimmte, sich durch die Familie ziehende Charakterzüge in den verschiedenen Generationen bewertet werden), stoße ich immer wieder auf die These, dass ein erheblicher Teil von Asperger-Frauen fälschlich als Borderlinerinnen diagnostiziert wird, mit der Folge, dass Hilfsangebote z.T. am Kern der Problematik vorbeigehen. Könnt Ihr das aus der Praxis bestätigen?

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